New York – Tag 6 – Teil 2

Teil 12 meines kleinen Reisetagebuchs.
Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, am 25.03.2009, wir waren auf Ellis Island, haben uns Penn Station in Grundzügen angeschaut und waren bei Taco Bell futtern.

Säng ju for trävveling wiss New Jersey Transit
Nach dem üblichen Mittagsschlaf im Hotel machen wir uns auf den Weg zur Penn Station.
Ein lustiger Bahnhof, von außen nicht als solcher zu erkennen, weil quasi vollkommen unterirdisch gebaut ist und der Eingang sich einfach nur unter einen Wolkenkratzer versteckt.

Ich habe leider keine Bilder, also muss ich es halt beschreiben.
Die Organisation in diesem Bahnhof ist vollkommen anders, als ich das jemals irgendwo gesehen habe.
Die Züge haben keine festen Gleise, sondern man weiß erstmal nur die geplante Abfahrtszeit.
Ein paar Minuten vor der Abfahrtzeit versammeln sich dann unzählige Leute vor einer großen Anzeigetafel, auf der – fast wie auf einem Flughafen – der Zug und der geplante Bahnsteig angezeigt werden. Sobald die gewünschte Information aufblinkt, wandern alle zum (vollkommen überlasteten) Aufzug, der einen mehrere Stockwerke in die Tiefe befördert.

Der Zug sieht auf den ersten Blick ganz modern und bequem aus, die Sitze sind in Ordnung, die Platzverhältnisse auch ok.
Beim ersten Anfahren der Mühle kriegen wir allerdings einen mittleren Schock. Ein lauter Schlag, gefolgt von einem brutalem Ruck geht durch den Zug, als die Kupplungen anziehen, dann setzt sich die Karre in Bewegung.
Beim ersten Mal dachten wir noch, das wäre eine Ausnahme, doch weit gefehlt.
Bei jedem Anfahren das gleiche Schauspiel, irgendwie haben sich stramme Kupplungssysteme wohl noch nicht überall auf der Welt rumgesprochen.
Wir nehmen es mit Gleichmut, immerhin fährt der Zug und wir kommen unserem Ziel näher.
Nach einigen Minuten Tunnelfahrt unterqueren wir den Hudson River und erblicken in New Jersey wieder Tageslicht.
Die Landschaft hier ist ziemlich trostlos, viele Hinterhöfe von großen Industrieanlagen, viele Müllberge und nichts wirklich sehenswertes liegt auf dem Weg.

Wir steigen schließlich in „Glen Ridge“ aus, einem kleinen Vorort von Jersey City, und laufen von hier nach Montclair zum eigentlichen Ziel unseres Ausflugs.

Die Stimmung hier – immerhin nur ca. 20km Luftlinie vom Zentrum Manhattans entfernt – ist vollkommen anders als „in der Stadt“.
Ein paar Impressionen:

Montclair - Impressionen

Montclair-Impressionen

Montclair-Impressionen

Montclair-Impressionen

Montclair-Impressionen

Montclair-Impressionen

Nicht nur in Stockholm und Bangkok, nein auch in New Jersey

Die Benzinpreise treiben uns die Tränen in die Augen.
Beim Dollarkurs zu dem Zeitpunkt sind das 33,7 Eurocent pro Liter. Lecker.

Benzinpreise zum Weinen (Achtung, pro Gallone)

Montclair-Impressionen

Hier ein kleiner Ausflug in die Welt der Autowäschen. In dieser Waschanlage gibt es die Wahl zwischen einer ganzen Reihe von Programmen. Angefangen beim „Kratzigen Bürstenkreischer“ für läppische 5 Dollar über den „leckenden Lackschmeichler“ für 20 Dollar bis hin zum Luxusprogramm, bei dem einem 5 mexikanische Gastarbeiter das Auto mit Zahnbürsten polieren und in bester „Karate Kid“-Manier das Auto liebkosen.

Der Audi im Bild hatte wohl das volle Programm (schlappe 90 Dollar), wie man an den wuselnden Servicekräften gut erkennen kann. 10 Sekunden zuvor waren da noch ein paar Leute mehr an dem Wagen beschäftigt …

In the Carwash

Vom Falschparken vor öffentlichen Gebäuden ist hier ebenfalls abzuraten:

Drakonische Strafen für's Falschparken

Zu Deutsch: Beim ersten Vergehen 285 Dollar, ab dem zweiten Vergehen 285 Dollar und/oder 90 Tage gemeinnützige Tätigkeiten (Straße fegen, Klos putzen, einfach mal Naomi Campbell für Beispiele fragen).

Montclair ist eigentlich ziemlich klein und langweilig.
So langweilig, dass sich hier – in Spuckweite zu New York City – vor 2 Jahren der größte Spionageskandal der letzten Jahre abspielte. Der Spionagering mit der Model-Agentin Anna Chapman, für die sich die Nachrichtenmagazine der Welt um keine noch so dumm-schlüpfrige Schlagzeile schämten saß genau hier in Montclair.
Hier mal die Story bei Spiegel.de und bei Einestages, ganz frisch.
Doch davon wissen wir und die Welt zu diesem Zeitpunkt noch nichts, also spazieren wir einfach weiter in Richtung Ziel.

Rock me Amadeus
Unser Ziel ist das Wellmont Theatre (und hier), ein wunderbar altes Kino, welches vor einigen Jahren renoviert wurde und seitdem als Veranstaltungsort für Konzerte dient.
Hier wollen wir uns ein Konzert der Derek Trucks Band anschauen.
Nie gehört? Schade schade schade.
Derek Trucks ist ein Phänomen. Wir haben den Typen auf einem Konzert von Eric Clapton das erste Mal gesehen und gehört und bei der Gelegenheit hatte er den großen Meister mit großer Leichtigkeit 2h lang an die Wand gespielt.
Was will man auch von jemandem erwarten, der mit 9 Jahren anfängt, Gitarre zu spielen, mit 12 die erste eigene Band hatte und seit er 15 ist mit „seiner“ Derek Trucks Band spielt, wobei seine Kollegen damals keine Schüler waren sondern arrivierte Profi-Musiker. Der Hammer.
Auf jeden Fall wollte ich ihn schon lange live sehen und kam nur per Zufall genau zum richtigen Zeitpunkt auf die Idee, auf seiner Webseite nach Tourdaten zu sehen. Dort fiel mir auf, dass er zur Zeit unseres New-York-Aufenthalts in New Jersey spielen sollte und ein kurzer Ortscheck ergab, dass die Anreise kein Problem darstellen sollte. Also flugs Karten bestellt und uns wie beschrieben auf den Weg gemacht.

Ticket

Das „Kino“ selbst ist schon sehr hübsch. Alt, steile Ränge, recht enge Plätze (zumindest für dem 200kg-Amerikaner, der sich in unserer Nähe immer auf 2 Sitzen herumdrücken musste) und eine ganz eigene Atmosphäre.

Wellmont Theatre

Steil, ganz steil!

Wellmont Theatre

Wellmont Theatre

Der Abend beginnt mit einer Vorband.
Wir hören „The Bad Plus„, eine hochgelobte Jazz-Dingsbums-Irgendwas-Combo, die es sich anscheinend zur Aufgabe gemacht hat, bekannte Lieder zu dekonstruieren und in ihre Einzelteile filetiert auf die Bühne zu rotzen.
Die Instrumentalisten sind sehr gut, die Sängerin hat es sich offenbar vorgenommen, möglichst gelangweilt, lässig und eintönig daherzukommen und so ihre ganze Kraftlosigkeit auf das Publikum loszulassen.
Intellektuell vermutlich auf einem extrem hohen Niveau, aber vollkommen fehl am Platze.

Ein kleines Beispiel: „New Year’s Day“ von U2 (ab 2m 30s wird es „spannend“)

Zum Vergleich das Original, auch Live:

Man muss sich in die Leute versetzen, die zu so einem Konzert gehen.
Derek Trucks macht Blues-Rock, viel Slidegitarre, Souliger Gesang, südstaatenkompatibel.
Dementsprechend ist die Zusammensetzung und die Erwartung des Publikums und hier platzen diese
2schlechten Plusse“ rein und geigen ihren Scheiß zusammen.
Es hagelt Buhrufe, Pfiffe, der Saal leert sich und die Leute gehen lieber futtern oder Bier kaufen.
Zwei Zwischenrufe: „Come on, I’ve worked all day“ und „Someone hand me a rifle“ beschreiben die Stimmung der Leute ganz gut.

Irgendwann ist es geschafft, die Vorband zuckelt ab und das Konzert kann beginnen.
Doch halt, da fehlt noch was. Bier und Popcorn!
Sarah geht eine kleine Portion kaufen:

Notration mit Sarah

Ja, das ist die „kleine“ (bzw. „normale“) Portion, kleiner gibt es nicht, größer schon.
So ein Konzert ist bei den Amerikanern irgendwie ganz anders als bei uns. Es herrscht ein Kommen und Gehen wie im Taubenschlag, die Leute sind ständig am rauslaufen, Bier kaufen, Popcorn kaufen, Bier wieder raustragen, neues Bier kaufen usw.
Man kann offenbar nicht einfach mal sitzen bleiben und der Musik zuhören, irgendwie muss jeder Besucher mindestens 2x rausrennen und irgendwas dringendes erledigen.

Das Konzert selbst ist toll, allerdings macht sich bei uns immer noch der Jetlag bemerkbar, immerhin waren wir die Tage zuvor immer früh im Bett und nun ist es auf einmal 22 Uhr und wir müssen immer noch fit sein.
Ich kann euch sagen, es geht schief. 🙂
Als ich das zweite Mal erwache und mir den Schlaf aus den Augen reibe, ist der Gig immer noch im vollen Gange. Tief geschlafen habe ich sicher nicht, aber ein leichtes Dösen war leider nicht zu vermeiden.
Sarah geht’s nicht viel besser, also entscheiden wir uns irgendwann noch vor dem Ende des Auftritts, den Heimweg anzutreten. Immerhin müssen wir noch zum Bahnhof laufen, eine ordentliche Zugfahrt hinlegen und dann von der Penn Station heimlaufen oder fahren.
Also machen wir, was die vorbeifahrenden Autofahrer vermutlich vollkommen irre finden, wir laufen nicht zum nächsten, sondern zum übernächsten Bahnhof/Haltepunkt (an dem übrigens mal „Mona Lisa Smile“ gedreht wurde.
Irgendwann kommt der Ruckelzug, bringt uns brav nach Manhattan zurück und von der Penn Station schaffen wir es auch noch irgendwie zurück ins Hotelbettchen, schlafen ein und freuen uns auf unseren letzten Tag in New York und die baldige Rückreise.
Doch auch der letzte Tag wird noch lang und hat Potenzial für die ein oder andere Geschichte.

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