New York – Tag 3 – zweiter Teil

So, es ist an der Zeit.
Ich merke, dass ich irgendwie nur im Urlaub oder an Wochenenden – wenn ich so richtig entspannt bin – schreiben kann.
(In Anbetracht meiner Aufsatzkünste in der Schule ist das doch ein gewaltiger Fortschritt, damals klappte das nämlich quasi nie, zumindest nicht lesenswert, fragt meine Eltern!)
Also los, es ist Samstag, die Sonne scheint, ich haue dann mal in die Tasten.

Wir rekapitulieren nach langer Schreibpause: Der Tag (Sonntag, der 22. März 2009) begann mit Frühstück im Europa-Café, einer ausgedehnten Wanderung durch Greenwich Village sowie gute Teile Manhattans und wir bewegten uns auf das erste kulturelle Highlight zu, den Besuch in der kleinsten Oper der Welt.

La Bohème

Eine kurze Geschichtsstunde:
Wir schreiben das Jahr 1948. Der Italo-Amerikaner Anthony Amato hegt einen Traum: Sein eigenes Opernhaus.
Kein großes gewaltiges, keine Konkurrenz zu den etablierten Häusern von Welt, sondern ein Haus, welches jungen Kunstschaffenden die Gelegenheit geben soll, Auftrittspraxis zu sammeln.
Gesagt, getan – er gründet gemeinsam mit seiner Frau die „Amato Opera“. In den ersten Jahren zieht man noch umher und gibt Vorstellungen in den verschiedensten Häusern. Seit 1964 hat man dann ein eigenes Gebäude zur Verfügung, 319 Bowery Street, ein damals schon 65 Jahre altes, schmales, enges Gebäude. Mit viel Kreativität, Geschick und unter Ausnutzung aller Ecken und Winkel schafft man es, in diese Mauern einen Zuschauerraum für ganze 107 Zuschauer (und evtl. noch einen halben) samt Empore, Bühne und „Orchestergraben“.
Im Laufe der Zeit stehen auf der Bühne geschätzte 10.000 Sängerinnen und Säger, die in über 60 verschiedenen Opernproduktionen auftreten.

2009 – das Jahr unseres Besuches – ist die 61. Spielzeit und gleichzeitig die letzte. Im Mai 2009 fällt der rote Samtvorhang zum letzten Mal, das Haus wird schließlich verkauft und Mr. Amato – inzwischen stramme 89 Jahre alt – will laut eigener Aussage „einen neuen Lebensabschnitt beginnen und sich anderen Dingen widmen“.
Ganz richtig, der alte Herr steht und stand bis zuletzt auf und unter der Bühne, leitete das Haus und die Aufführungen, begrüßte herzlich seine Gäste und trat keinen Schritt kürzer. Beeindruckend!

Mehr zur Geschichte:
Die ZEIT
GEO

Und wie kommen wir dahin?
Gute Frage, wie kommen wir eigentlich auf die Idee, uns in gerade dieses Abenteuer zu stürzen?
Ja, wie haben wir überhaupt davon erfahren?
Ganz einfach, vor ca. 2 Jahren sahen wir eine Reportage gesehen (ein Hoch auf die Reportagen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens), in welcher die ganze Geschichte und der Alltag in der Amato Opera ausgiebig erzählt wurde.
Abgesehen von der schieren Kuriosität des Hauses und der „Qualität“ der Aufführungen hatte uns damals schon die Energie und Leidenschaft, mit der Tony Amato sein Lebenswerk auch im Greisenalter noch betreibt, höchst beeindruckt.
Als ich dann nach etwas Programm für unsere Reise suchte, fiel mir die Oper natürlich wieder ein und ich kaufte kurzerhand zwei Karten für „La Bohème“ – gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf wurde bekannt, dass die nächste Spielzeit die letzte sein würde. Welch ein Glück für uns.

Das Erlebnis
Genug der Vorrede, ich komme jetzt mal zum Thema zurück, unserem Besuch und der Aufführung.
Wie dem Bild aus dem Programmheft oben zu entnehmen ist, beginnt „unsere“ Vorstellung um 14.30 Uhr, eine weitere Besonderheit dieses Hauses. Der Anspruch der Amatos war nicht nur, jungen Künstlern und Hobbysängern eine Bühne zu bieten, sondern auch, Familien und weniger betuchten Besuchern einen Opernbesuch zum einen finanziell zu ermöglichen, zum anderen aber auch zu familienfreundlichen Zeiten anzubieten. Daher der Sonntagstermin zur ungewöhnlich frühen Stunde, welche es den Besuchern jedoch erlaubt, nach der Vorstellung noch den Abend zu genießen oder die Kinder früh ins Bettchen zu stecken.
Wir treffen also zeitig am Ort des Geschehens ein und sind erstmal geplättet, weil das Haus in Realität nochmal viel kleiner und schmaler wirkt als im Film und auf Bildern.

Amato Opera

Amato Opera

Drei Fensterreihen, geschätzte 5 Meter von einer Seite zur anderen, und das war’s auch schon.

Die nächste halbe Stunde vergnügen wir uns, indem wir die weiteren Gäste beobachten.
Wir sind nicht nur die jüngsten Besucher, wir sind auch deutlich „underdressed“: Selbst bei läppischen 25 Dollar Eintritt wirft sich die geneigte Mutter/Oma von Welt gerne in Schale (oder auch in den gammligen Pelz von Mutters Mutter).
Wir in unserer Touristenkluft fallen zwar nicht weiter unangenehm auf, passen aber nicht so recht zu vielen der nach besten Kräften gestylten Besucher. Gottlob sind wir in Amerika, auch hier gibt es die unvermeidlichen T-Shirt-Träger und Bundfaltenhosen-Papas im Freizeitstil.
Doch selbst wenn wir im Lumpensack gekommen wären … wen schert’s, uns kennt ja doch keiner 🙂

Die Türen öffnen sich, wir können endlich rein.
Wenn das Haus von außen klein wirkt – innen hat man das Gefühl, sich in einem bestuhlten Fuchsbau zu befinden.
Der Weg führt uns zunächst in den Keller, dort ist der Zuschauerraum, die Garderobe und die „Snackbar“, an der man sich stärken und der Oper ein paar Merchandise-Dollar in die Kasse spülen kann.
Wir verzichten, suchen unsere Plätze auf (schön weit vorne) und genehmigen uns einen ausführlichen Rundblick.

Amato Opera - Zuschauerraum

Der Zuschauerraum, Blick von vorne nach hinten. Ganz hinten sieht man schemenhaft die Garderobe, auf der linken Seite kommen vielleicht noch 2 Reihen Stühle, nicht mehr.
Amato Opera - die Empore

Die beeindruckende Empore, „Loge“ will ich es nicht nennen.

Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, aber der Raum ist so eng und klein, dass es ohne Weitwinkelobjektiv schlicht unmöglich ist, auf einem Bild alles unterzubringen, man kann einfach keinen Schritt zurückgehen, um den Bildauschnitt zu vergrößern.

Doch halt, wofür habe ich eine Frau Spielberg, die mit der Kamera filmt und und hier einen Michael Ballhaus-würdigen 360-Grad-Schwenk produziert. Doch seht selbst:

Mitten im Witzeln über die Mitbesucher stellen wir fest, dass unsere direkten Sitznachbarinnen Deutsche sind, also von nun an VORSICHT mit den bösen Sprüchen …

Die Vorstellung beginnt.
Ich hab ja keine Ahnung von Oper im Allgemeinen, von La Bohème im Speziellen noch viel weniger, also kann ich vollkommen unbelastet die Vorstellung genießen … ähm, nun ja … erleben.
Was uns hier erwartet ist schon sehr eigen. Wie gesagt, die Oper bietet Nachwuchssängern, Hobby-Nachtigallen und Möchtegern-Carusos die Gelegenheit aufzutreten. Die Qualität der Sänger schwankt somit von „wow“ bis hin(ab) zu „ich will hier weg“.
Wir haben beide sehr gute Ohren und – ganz unbescheiden – auch ein trainiertes musikalisches Gehör. Selbst bei hochwertigen Aufnahmen, Auftritten oder sonstigen Darbietungen nehmen wir damit auch „Fehler“ wahr, die viele andere Menschen eben nicht wahrnehmen.
Insofern bietet das Gajaule der Gesang der Sopranöse durchaus Gelegenheit, unsere angeborenen Fluchtreflexe kontrollieren und beherrschen zu üben, was uns bravourös gelingt.
Der Aufführung an sich mangelt es an nichts: Es gibt Bühnenumbauten, Massenszenen und alles, was man sich vorstellt, sogar englische Untertitel für den italienischen Text werden geboten.
Wie bereits bemerkt, die Gesangsleistungen sind teilweise auch durchaus hörenswert (der Tenor!) und die Zeit vergeht fix, am Schluss sind alle tot (oder so) und wer es nicht ist, lebt weiter bis ans Ende seiner Tage.

Alles in allem ein Erlebnis der Extraklasse – skurril, witzig, eingeschränkt kulturell empfehlenswert, aber herzerwärmend und ein rundum toller Nachmittag.
Zum Abschluss noch ein Blick in den Orchestergraben, in dem vier Leute ihre Nasen aneinanderreiben.

Amato Opera - der Graben

Wir kriechen aus dem Fuchsbau und vernehmen ein dumpfes Donnergrollen.
Nein, es nähert sich keine Schlechtwetterfront, unsere Mägen hängen auf Halbmast, wir verspüren einen ganz leichten Hunger.

Nahrungsaufnahme
Also begeben wir uns auf die Jagd, was in der Neuzeit nur heißen kann, dass wir uns ein Restaurant suchen, welches unsere Magenkrankheit behandelt.

Die bekannte Bleeker Street ist direkt um die Ecke, dort findet sich an jeder Ecke ein Restaurant, die Auswahl ist schier endlos, nur die Frage, was wir eigentlich wollen, was wir zu bezahlen bereit sind, ob und wie lange wir anzustehen bereit sind, stellt uns zwei Entscheidungsneurotiker vor ungeahnte Schwierigkeiten.
Der Reiseführer empfiehlt „Joe’s Pizza“ als eine der besten Quellen für bezahlbare Steinofenpizza, nur leider ist die Schlange vor der Bude ziemlich lang und wir suchen erst einmal weiter.
Nach gefühlten zwei und tatsächlich nur einer Stunde erfolgloser Suche kehren wir doch wieder zu Joe’s zurück und reihen uns in die Schlange ein.
Die Geschwindigkeit, mit der es hier vorangeht, haben wir vollkommen falsch eingeschätzt, denn anstelle der befürchteten Stunde stehen wir nur ca. 5-10 Minuten und bekommen auch schon einen Platz zugewiesen.
Die Pizzen sind wirklich günstig (20 Dollar pro Wagenrad-Pizza) und riesig, genau das Richtige für unsere Schrumpfmägen. Dazu sind sie noch richtig lecker, wir hauen also ordentlich rein und lassen nichts übrig.

Joe's Pizza

Sarahs Pizza

Unscharf, meine Finger zitterten noch vor Hunger, aber man kann die Dimensionen erahnen.

Nach dem ausgiebigen Mahl begeben wir uns auf den Heimweg, um eine kleine Pause (wie wäre es mit einer gazen Nacht erfrischenden Schlafes?) zu machen, immerhin sind wir schon wieder unzählige Stunden und Kilometer unterwegs gewesen.

Auf dem Weg ins Hotel hören wir – wie ständig in der Stadt – noch die eine oder andere Sirene, und selbst die sind es wert, ihnen einige Zeilen zu widmen.

Sirenen
Sarah hatte mir schon von ihren vorherigen Aufenthalten in der Stadt die abenteuerlichsten Geschichten über die „Kunst“ der Sirenenbediener von Polizei und Feuerwehr in New York erzählt.
Reine Wunderdinge sollen die mit ihren Tröten vollbringen, kleine Sinfonien in Moll, Dur und neuzeitlichen Tonarten produzieren und angeblich klingt kein Signalhorn wie das andere.

„Feuerwehrlatein“ dachte ich nur und wurde eines Besseren belehrt.

Was man hier geboten bekommt ist tatsächlich so einmalig, unbeschreiblich und anders, dass ich einfach darüber schreiben muss.

Dem geneigten Sirenenmaestro stehen sage und schreibe 5 verschiedene Signaltöne zur Verfügung, vom „gellenden Schrei“ über das „Heulen“ und „Jaulen“ hin zum klassischen „Martinshorn“ und dem Videospielartigen „Fast„.

Aus diesem Arsenal bastelt sich jeder Fahrer seine individuelle Kakophonie der Abschreckung zusammen und spielt virtuos auf der Klaviatur des Gejaules (ob sich die Sopranöse aus der Amato Opera in einen Sirenenautomaten eingeschlichen hat?).
Der interessierte Zuhörer erlebt – wenn er sich mal darauf konzentriert – tatsächlich einen sich stetig wandelnden Klangteppich, die Officers übertreffen einander stetig in neuen Varianten der kreativen Anordnung obiger Töne. Es jault, sirrt, zwitschert und singt in ungekannter Vielfalt, eine wahre Pracht.

Ein sehr interessanter Artikel zu dem Thema findet sich bei der New York Times.
Ohrenbetäubende Sinfonie mit dem Maestro in Blau
Bei Youtube finden sich noch einige Beispiele, leider habe ich nichts gefunden, was wirklich die „Kunst“ erkennen lässt, also müsst ihr mir einfach glauben 🙂
Einige eher konservative Sirenen“durchklingler“

Der Gesang der Sirenen kann uns jedoch nicht auf Irrwege führen – wir finden mühelos den Weg ins Hotel, wo unsere kurze Ausruhphase in ausgiebigen Grunzern auf den King-Size-Betten endet, wir erwachen am nächsten Morgen, es ist Montag.

Weiter geht’s bei Tag 4!

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