Schwermetall – nur mit Schaumgummi zu genießen

Gestern waren wir bei Metallica in Stuttgart in der Schleyerhalle.
Wir haben gerade noch eine halbe Stunde der zweiten (!) Vorband, „Machine Head“ mitbekommen. Nein, wir mussten sie mitbekommen.
Ich bin im Laufe der Zeit ja erstaunlich vielseitig in meinem Musikgeschmack geworden, aber dieses Geschrubbe und Geröhre war mir dann doch zuviel. Viel zu laut, die Anlage hat geächzt und geklirrt, alles war ein einziger Brei und dazu war die Musik noch scheiße, was verlangt man weniger … 🙂

Nach einer halben Stunde Pause ging’s dann los, doch zunächst ein Exkurs zum Veranstaltungsort und der Bühne.
Bisher zeichneten sich die paar Konzerte, die ich in der Schleyerhalle gesehen habe alle dadurch aus, dass die Musik zu laut war und dass die Akustik aus welchen Gründen auch immer einfach bescheiden war. Gestern war es nicht anders.

Die Bühne war in der Mitte der Halle aufgestellt, ein großes Rechteck mit ca. 20x15m Kantenlänge. An jeder Ecke stand ein Mikro, Lars Ulrich saß auf einem irgendwie drehbaren Drumkit relativ weit in der Mitte und wurde alle paar Songs um ein paar Grad gedreht, damit er 1x in jede Richtung schaute.
Der Anspruch war hier sicher, allen Fans eine einigermaßen geringe Entfernung zur Bühne zu garantieren und für die Band ist es bestimmt auch cool, im „Meer“ der Leute zu stehen und zu spielen.
Leider war das ganze Teil viel zu groß. Wir waren im Innenraum, welcher erstaunlich locker besetzt war, anscheinend hat man hier große Reserven im Raum, was sehr angenehm für den Platz ist, der jedem zur Verfügung steht. Zurück zur Bühne. Wenn man sich 4 Personen auf der oben geschätzten Bühnengröße verteilt vorstellt, gerät das Konzerterlebnis (und man kommt ja durchaus auch, um die Leute spielen zu SEHEN und nicht nur zu hören) zu einer Art Suchspiel.
„Wo ist er jetzt wieder? Wo singt er grade? Hast du den Bassisten schon gesehen?“ Sehr anstrengend. Außerderm geht durch diese zentrale Bühne dem Publikumsraum die Stimmung verloren, man sieht irgendwo in der Ferne Leute auf der anderen Seite der Bühne, es gibt keine richtigen Rangeleien, Pogo usw. Irgendwie komisch.
Außerdem werde ich nie verstehen, warum ein Veranstalter nicht das geltende Rauchverbot wenigstens ansatzweise durchsetzt. Evtl. hat die Security Angst, von militanten Raucher-Rockern verhauen zu werden? Man weiß es nicht, es nervt auf alle Fälle gewaltig.

Der Sound war vor allem zu laut. Ich will ja nicht auf gesetzlichen Regelungen rumreiten, aber wenn man ohne Ohrenstöpsel (die wir gottlob hatten) bei jedem Ton den Schmerz in den Ohren spürt, ist definitiv irgendwas falsch gelaufen. Irgendwie passt das zu der aktuellen Mode auch bei der Produktion der Alben, „Laut ist gut. Klingt scheiße, egal, hauptsache laut.“ Schon das aktuelle Album von Metallica regt mich furchtbar auf, weil es einfach andauernd übersteuert, ich hoffe hier echt mal auf eine Umkehr dieser Mode. Ein interessanter Exkurs hierzu bei der englischen Wikipedia: Loudness War
Also zurück zum Text, das Klirrfaktor war hoch, die Höhen extrem zu spitz, der Hörschadenfaktor bei den geschätzten 80% im Publikum ohne jeglichen Hörschutz vermutlich enorm. Schade eigentlich.

Der Band und Ihre Musik kann man hingegen getrost ein beeindrucktes „WOW“ spendieren. Die „Jungs“ (hey, die sind alle zwischen 45 und 47 Jahre alt) rocken was weg als gäbe es kein Morgen. Für die Größe der Bühne und wenn man bedenkt, dass die Bandmitglieder sich dort quasi nur zufällig ab und an über den Weg liefen präsentierten sie sich als eine musikalisch absolut kompakte, perfekt zusammenspielende Einheit.
James Hetfield röhrte, beschwor das Publikum „yeah, you’re part of the family, we are so nice to each other“ … Lars Ulrich trommelte sich die Finger wund (bei ihm ist es irgendwie immer lustig, wenn gegen Mitte des Gigs das Adrenalin offenbar die Oberhand gewinnt und er sich nur noch wild gestikulierend, züngelnd, Grimassen schneidend und wedelnd hin und herbewegt), Rob Trujillo ließ den Bass grummeln und Kirk Hammet fiedelte auf seinen ca. 20 Gitarren ein Hammersolo nach dem anderen runter.
Die Show war extrem oldschool, keine Leinwände, es hingen ein paar „Särge“ an der Decke, die als Beleuchtungselement dienten. Ein paar hübsche Lasereffekte, ansonsten seltsamm sinnbefreites Auf- und Abfahren der Bühnenoberkonstruktion (Lichtbefestigungen) über der Band.
Nett waren mehrfarbige, superschnell wechselnde Pyro-Flammeneffekte, die waren richtig cool.

Das Publikum war einfach nur lustig anzusehen. Sehr wenig Kiddies, alle so ab 22 bis ca. 50. Ein ordentlicher Anteil kam anscheinend vom VFB-Spiel nebenan und war schon dementsprechend betankt, viele andere haben diesen Rückstand mit den angebotenen 1l-Bier-Plastikbechern schnell aufgeholt. Da liefen ne Menge Leute rum, die nur noch stier geradeaus schauten, einen auf der Flucht zum K(l)o(tzen) aus dem Weg schubsten oder einfach nur so voll waren.
Andererseits ne Menge Rock-Opis und Langhaar-Metaller, von denen man sich immer fragt, in welcher Gruft die normal schlafen, bevor sie auf diesen Konzerten dann in Massen auftauchen.
Die Stimmung war auf alle Fälle sehr locker und entspannt, die Laune gut und ich habe noch nie zuvor derartig viele erwachsene Männer gesehen, die sich mit höchstem Ernst und voller Konzentration dem zweistündigen Luftgitarrenspiel hingaben.

Fazit: Richtig gute Musik gespielt, ertragen allerdings nur dank Ohrstöpsel, die Schleyerhalle ist für Konzerte für uns allerdings gestorben.

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