Fleischvergewaltigung

Wo ich grade bei Stockholm bin:
Sowohl Reiseführer als auch die Kollegin von Sarah empfahlen uns einen Besuch bei Rolfs Kök, einem netten Restaurant in Stockholm.
Wir waren also da, genossen ein perfektes Essen und erlebten am Nachbartisch eine echte, grauenvolle Vergewaltigung.
Die Szene: Viele kleine Tische, alle nebeneinander, jeweils ca. 50 cm auseinander. Dieses Arrangement erlaubt es dem Personal, durch simples Auflegen einer passenden Verbindungsplatte größere Tische zu basteln, die „übrigen“ Stühle hängen einfach an der Wand. Sehr schick, sehr praktisch. Für uns sehr … aufreibend, weil die Fleischverbrecher auf diese Weise ganze 50 cm von uns entfernt saßen.
Er: Mitte 20, Styler, „ich bin cooles Model“-Typ
Sie: Anfang 20, Freundin vom Styler, wäre gerne eine ebensolche, kommt aber nicht ganz mit.
Mademoiselle Pseudo-Styler nimmt das gepflegte „Swedish entrecôte with potato gratin, haricots verts & truffle butter“, also so ziemlich das beste Stück Fleisch, was man in dem Schuppen bestellen kann, und dann legt sie los.
Sie malträtiert das Fleisch mit dem Messer, sticht mit der Gabel darauf ein (alles mit feinsten Manieren), beschaut es pingeligst, wendet es hin, wendet es her, schneidet hier, schnippelt da und schiebt sich sogar alle paar Stiche einen Brocken in den Mund. Monsieur Styler veranstaltet mit seinem zum Glück schon toten Tier das gleiche Spektakel.
Wir konnten uns nur beherrschen, auf unsere eigenen Teller schauen und hin und wieder einen Blick riskieren. Man will sich ja auch nicht ekeln, unser Essen war lecker und wir hatten vor, die Ochsenbacken und Entenhäppchen gepflegt aus dem Restaurant zu tragen. Hätten wir öfter nach drüben geschaut, hätten unsere Teller vermutlich genauso ausgesehen wie die vom Stylerpärchen, nur dass unser Essen schon einmal den Weg zum Magen (und zurück) gesehen hätte.
Was auf den beiden Tellern nebenan übrig blieb waren Überreste eines Gemetzels, das Stephen King würdig war. Die zuvor aus je einem Teil pro Teller bestehenden Fleischstücke wurden zu Goulasch verarbeitet, ca. 3/4 von allem wurde nie gegessen, nur gehauen, gestochen und geschnitten.

Mein Beileid.

Am schlimmsten war, dass die Beiden durchaus zufrieden aussahen, es hat ihnen geschmeckt und sie machten den Eindruck, als ob sie üblicherweise so zu essen pflegten. Der Koch, der sein liebevoll zubereitetes Essen derartig zugerichtet wieder in die Küche zurückbekommt, möchte ich nicht sein.
Wie auch immer, wir zwei haben unser Essen genossen, es nach einer unterhaltsamen Guiness-Spülung sehr erfolgreich ins Hotel gebracht und die Teller saubergeputzt, so muss es doch sein.

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